Hätten sie Hitler verhindern können?

Veröffentlicht in Historisches


Lothar Weisser

Zu einem Thema besonderer Art konnte der Vorsitzende des örtlichen SPD-Ortsver­eins Dr. Heinz Joseph im evangelischen Gemeindehaus Hochdorf Ende Januar 2017 den Referenten Dr. Lothar Weisser, begrüßen.

Im Rahmen der Reihe „Sozialdemokratische Kommunale Vorträge“ („SoKoV“) war Weisser eingeladen worden über „Die Rolle der Freiburger Nationalökonomen am Ende der Weimarer Republik“ zu sprechen. Der Referent, der vor seiner Pensionie­rung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg gelehrt hatte, sollte der Frage nachgehen, ob die Wirtschaftsprofessoren um Walter Eucken Hitler hätten verhin­dern können.

Zu Beginn seines Vortrags rief Weisser die dramatische Situation vor dem Ende der Weimarer Republik in Erinnerung: Die Krise der Weltwirtschaft 1929 führte auch in Deutschland zum Rückgang der Produktion, zu sinkenden Preisen und Löhnen, und zu einer Arbeitslosigkeit, die zeitweise 50 % erreichte. Unter den Ökonomen gab es Streit, wie der Krise beizukommen sei. Hauptsächlich ging es darum, ob der Staat eingreifen, der Wirtschaft Geld zur Ankurbelung der Wirtschaft zur Verfügung stellen oder ob er den Selbstheilungskräften des Marktes vertrauen sollte. Anlässlich der Beratungen um den sog. „Lautenbach-Plan“ setzten sich die konservativen Ökono­men und damit die Ansicht durch, dass die Krise sich selber lösen müsse und man staatlicherseits nicht eingreifen solle. Die bei den Beratungen zum Lautenbach-Plan anwesenden Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Walter Eucken und Karl Diehl sprachen sich mit der Mehrheit dafür aus, den Dingen ihren Lauf gehen zu lassen. Ideen für eine staatliche Steuerung zur Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts, wie sie heute gang und gäbe sind und wie sie der britischen Ökonom John Maynard Keynes zur Bekämpfung einer Deflation damals im Begriff war zu entwickeln, hatten, so Weisser weiter, keine Chance. 

Reichskanzler Brüning beschränkte sich folglich darauf, mit rigider Sparpolitik den Haushalt stabil zu halten und die Geldmenge nicht auszuweiten. Eine Inflation durch zu hohe Staatsausgaben sollte auf alle Fälle vermieden werden.

In der Literatur dieser Zeit, so der Referent weiter, finden sich nur wenige Veröffentli­chungen aus der Feder von Eucken. Wenn, dann wird dort die Meinung vertreten, der Staat müsse sich aus der Wirtschaft heraushalten und dem Selbstheilungskräften des Marktes Raum geben. Im Übrigen ließ Eucken wenig Empathie für die leidende Arbeitnehmerschaft erkennen. Bei Eucken läuft diese Gruppe unter dem Begriff der „Massen“. Er begibt sich dabei sprachlich in die Nähe des konservativen Kulturkriti­kers Ortega y Gasset und des reaktionären Juristen und späteren NS-Verfassungs­rechtlers Carl Schmitt. Im Übrigen lassen Euckens Schriften auch wenig Begeis­terung für die junge Nachkriegs-Demokratie „Weimar Republik“ erkennen, fuhr Weisser fort.

Die sich verschlimmernde wirtschaftliche Lage in der Schlussphase von Weimar Re­publik bescherte den Nationalsozialisten bei Wahlen bekanntlich die Mehrheit und schließlich die Macht mit der Folge der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges.

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gehörten Eucken neben den Professoren Lampe, von Dietze und Ritter dem „Freiburger Kreis“, einem Widerstandskreis gegen Hitler, an. Die Ökonomen entwickelten Ausschluss-Kriterien für eine wirtschaftliche Nachkriegsordnung in Deutschland. Man wollt keine Zentralverwaltungswirtschaft und kein „Laisser faire“, sondern eine „Marktwirtschaft“ mit stark autoritären Ele­menten. Die von ihnen gegen Ende der NS-Herrschaft verfasste „Volkswirtschaftsfi­bel“ zeigte aber viele rückwärtsgewandte Vorstellungen, die in der Verherrlichung kleinbäuerlicher und  familienwirtschaftlicher Produktionsformen bestand, und favori­sierten eine Staats- und Gesellschaftsform, in der weder Gewerkschaften Platz hat­ten noch an eine Rückkehr zum parlamentarischen System gedacht wurde.

Weisser bezweifelte allerdings, ob die diesbezüglichen Überlegungen und auch die Konzepte von Erhard und Müller-Armack, den Vätern der „sozialen Marktwirtschaft“ und des „Wirtschaftswunders“, wirklich großen Einfluss auf die deutsche Nachkriegs­wirtschaftsordnung hatten.

Keine Frage war, dass mit der US-Besatzungsmacht eine Rückkehr zum nationalso­zialistischen Wirtschaftssystem ausgeschlossen war, aber auch ein zentralverwalte­tes System à la Sowjetunion nicht in Frage kam. Ein marktwirtschaftliches System war damit die einzige Option.

Angesichts der geringen praktischen Bedeutung von Eucken, so Weisser abschlie­ßend, sei es erstaunlich, dass aktuell immer wieder deutsche Politiker, auch Sozial­demokraten, nach Freiburg pilgerten, um Eucken und „seiner“ Freiburger Schule ihre Referenz zu erweisen. Dieser Mythos „Freiburger Schule“ sei wohl eher die Mar­ketingleistung des entsprechenden Institutes, um ihre traditionelle ordoliberale Lehre hochzuhalten und sie im Sinne der neoliberalen Lehre zu legitimieren. Die Diskussion hielt sich denn auch nicht mit der Beantwortung der Frage auf, ob die Freiburger Nationalökonomen durch Einflussnahmen auf die Wirtschaftspolitik die Nationalsozi­alisten hätte wirklich stoppen können, selbst einmal angenommen, sie hätten das gewollt. Dem Schrifttum zufolge waren sie einfach nicht bedeutend genug.

Im Fokus der Diskussion standen dann die aktuellen Probleme, wie z.B. die Finanz- und Bankenkrise von 2008/2009 und die Euro-Krise, sowie die daraus resultierenden Gefahren für die Stabilität unserer Volkswirtschaft. Diese Krisen zeigten, so Weisser, dass es einerseits nötig sei, die Lehren aus der Vergangenheit zu beherzigen, aber auch zu sehen, dass keine Krise der anderen gleicht und es immer wieder auf neue Lösungen ankommt. Die Bankenkrise hat zumindest das Gros der Ökonomen nicht voraus gesehen. Aus der Zuhörerschaft wurde kritisiert, dass die Wirtschaftspolitik der EU in Griechenland zumindest z.T. immer nach den Rezepten von damals ver­fährt, wie die Kürzung der Staatsausgaben und Steuererhöhungen mitten in der De­pression  und zu Lasten der Bevölkerung zeigen. Einige Stimmen bezweifelten auch, ob die gerühmte wirtschaftliche Stabilität in Deutschland von Dauer sein könne. Die bislang nicht erfolgreiche Zinspolitik der Europäischen Zentralbank vernichte Spar­guthaben, die Flutung der Märkte mit Geld, das nicht ankomme, berge unkalkulier­bare Risiken, und die Schere zwischen Arm und Reich werde immer größer. Aus dem Publikum kam die Frage, ob die Formel des magischen Vierecks aus dem Stabi­litätsgesetz von 1969 (Preisstabilität, hohe Beschäftigung, außenwirtschaftliches Gleichgewicht, angemessenes Wirtschaftswachstum) in der heutigen Zeit nicht zu­mindest um das Ziel „Gerechte Vermögensverteilung“ ergänzt werden müsse.

Seinen abschließenden Dank an den Referenten und das Publikum für einen span­nenden Vortrags- und Diskussionsabend verband Dr. Joseph mit der Ankündigung, dass der SPD-Ortsverein in der Reihe „SoKoV“ als nächste Veranstaltung das The­ma „Armut in Deutschland“ aufgreifen werde.

Knuth Stemmer

 

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